Frischklebe-Serie, Teil 11:
Klebekontrollen im Jugendbereich - Deutschen haben einen Erfahrungsvorsprung

Für die Jugend hat die Zukunft schon begonnen. Im Nachwuchsbereich gilt schon seit dem 1. Januar 2008 auf internationaler Ebene das Frischklebeverbot, das bei den Erwachsenen erst nach den Olympischen Spielen in Peking greifen wird. Für den nationalen Bereich hingegen hat der DTTB die Einführung des Verbots vorgezogen: Seit dem 1. September 2007 müssen Jugendliche in Deutschland damit rechnen, dass ihre Schläger auf verbotene Lösungsmittel getestet werden.
Bei drei nationalen Veranstaltungen ist dies mittlerweile passiert: beim DTTB-Top 48 der Schüler im niedersächsischen Hude, beim DTTB-Top 48 der Jugend in Kirchen (Rheinland) und beim DTTB-Top 16 in Bad Kreuznach haben Kontrollen mit dem Testgerät enez stattgefunden. „Alle Ergebnisse waren negativ”, berichtet DTTB-Generalsekretär Matthias Vatheuer.  Die Möglichkeit, den eigenen Schläger freiwillig testen zu lassen, gab es ebenfalls. Vor allem die Schüler in Hude machten hiervon regen Gebrauch. Weil auch diese Tests sämtlich negativ ausfielen, kamen bei einigen gar Zweifel an der Funktionstüchtigkeit der enez-Box auf. „Die Tester waren schon der Meinung: Das Ding zeigt immer grün an”, erzählt Günter Köcher. Deshalb, so der Jugend-Sekretär des DTTB weiter, „haben wir dann einen Test mit einem Blatt Papier gemacht, auf das wir etwas verbotenen Kleber gestrichen haben”. Ergebnis: rot. Die enez-Box funktioniert durchaus, und auch die Testverfahren auf nationaler Ebene liefen reibungslos. Bei allen drei Bundesveranstaltungen wurde nach demselben Prinzip verfahren: In jeder Runde wurden die Tische ausgelost, an denen getestet werden sollte. Der Schiedsrichter ist dann mit der enez-Box an den Tisch gegangen und hat dort die Schläger beider Spieler getestet. „Wir haben keine Jagd auf die Spieler gemacht, sondern nur Stichproben”, sagt Köcher. Für den DTTB-Jugendsekretär ist aber klar: „Wir haben bessere Tests gemacht als die ITTF.”
Das Verfahren des Weltverbandes, das im Rahmen der German Youth Open (im Januar 2008 in Seligenstadt) zur Anwendung kam, wirkte in der Tat weniger überzeugend. Hier wurden am Morgen alle Spieler ausgelost, deren Schläger getestet werden sollten, und die Spieler wurden einige Stunden zuvor darüber informiert. Die Schläger mussten sie dann 30 Minuten vor dem Match abgeben und bekamen sie erst unmittelbar vorm Spiel am Tisch zurück. Auch in Seligenstadt wurde freiwillige Test angeboten, von denen die Aktiven regen Gebrauch machten – doch hier fielen 25 Prozent der Schläger durch! Im Rahmen der German Youth Open kam es auch bei den offiziellen Kontrollen zu einigen positiven Tests, so dass die Aktiven, darunter der englische Jugendnationalspieler Gavin Evans, dann mit einem anderen Schläger spielen mussten.
Die Divergenz der Testergebnisse führt Vatheuer darauf zurück, dass auf Bundesebene schon frühzeitig umgestellt wurde, die deutschen Spieler also bereits an den richtigen Umgang mit den erlaubten Materialien gewöhnt sind. Hierzu gehört u.a., neue Beläge ausreichend lüften zu lassen.
Zumindest zahlreiche Jugendliche aus anderen Verbänden müssen hier offenbar noch einiges lernen, aber auch der Weltverband könnte sich fragen, wie sinnvoll Tests sind, bei denen die Spieler Stunden vorher wissen, dass sie kontrolliert werden.
Jungen-Bundestrainer Istvan Korpa brachte es auf den Punkt: „Da wird sich noch was ändern müssen.”.


Interview Stephan Schulte-Kellinghaus: „Gutes Training und gutes Material sind entscheidend”

andro Coach Stephan Schulte-Kellinghaus hat bei den nationalen Höhepunkten DTTB Top 48 und Top 16 als Verbandstrainer des Westdeutschen TTV erlebt, wie der deutsche Nachwuchs in die Ära nach dem Frischkleben gestartet ist.


Stephan, du warst bei den Bundesranglisten-Turnieren Top 16 und Top 48 vor Ort, wo das Frischkleben bereits verboten war. Welche Eindrücke hattest du dort? Wird Tischtennis jetzt ganz anders gespielt?
Nein, natürlich nicht. Im technischen Bereich konnte man aber schon feststellen, dass man beim Topspin die Beine und die Hüfte verstärkt einsetzen muss. Wenn weniger aus dem Schläger rauskommt, müssen wir die athletische Komponente stärken.

 

Zu deinen Schützlingen zählen ja auch die andro-Spieler Ricardo Walther und Robin Malessa. Wie haben sich die beiden präsentiert?
Beim Top 48 hat Robin gewonnen und Ricardo war Dritter, beim Top 16 war es umgekehrt: Hier hat Ricardo gewonnen und Robin war Dritter, er hat nur gegen Ricardo verloren. Was die beiden gespielt haben, war vor allem über dem Tisch, also im Kurz-kurz-Spiel, deutlich besser. Sie hatten aber auch insgesamt eine geringere Fehlerquote. An diesen Punkten hatten wir allerdings auch im Training stark gearbeitet.

 

Wie lange spielen die beiden denn schon ohne Frischkleben?
Das ist eine interessante Geschichte: Wir hatten im Westdeutschen TTV schon im Sommer beschlossen, unsere Spieler im Vorkader auf keinen Fall mehr frischkleben zu lassen....

 

Welche Altersstufe ist das?
Das ist die Stufe ab C-Schüler bis ungefähr zum ersten A-Schüler-Jahr. Natürlich können wir als Trainer nur Empfehlungen aussprechen. Auch unseren anderen Spielern haben wir empfohlen, frühzeitig damit aufzuhören. Wir haben aber ausdrücklich zwei Spielern Hintertürchen offengehalten: Ricardo Walther und Robin Malessa. Beiden haben wir im Sommer gesagt, wir hätten nichts dagegen, wenn sie noch weiter frischkleben würden, weil beide Kandidaten für die Jugend-EM waren und auch klar war, dass beide schon in der Oberliga bzw. 2. Liga in Erwachsenen-Mannschaften spielen werden.

 

Und wie haben die Jungs reagiert?
Robin hat gesagt: „Wenn ich am 1. Januar sowieso aufhören muss, höre ich direkt auf.” Ricardo hat sich noch etwas Bedenkzeit erbeten und sich dann nach zwei, drei Tagen auch dazu entschlossen, sofort aufzuhören. Beide hatten allerdings auch schon PLASMA-Beläge gespielt, die eine sehr gute Qualität haben.

 

Welche Probleme gibt es bei der Umstellung?
Das sieht man besonders deutlich bei den Ballwechseln, in denen Topspin gegen Topspin gespielt wird, auch bei den Turnieren auf Bundesebene. Der Ball kommt etwas langsamer, dadurch schätzen ihn die Spieler oft falsch ein und treffen ihn erst im Fallen. Da wird teilweise Sandplatz-Tennis gespielt. Robin und Ricardo ist das allerdings kaum passiert. Unsere Jungen hatten wohl schon länger ohne Frischkleben gespielt als die meisten anderen. Allerdings waren wir nicht die einzigen, die früh reagiert haben. Die Hessen hatten schon im Sommer ein komplettes Klebeverbot im Jugendbereich ausgesprochen.

 

Wie sehen Robin und Ricardo das Thema heute?
Sie sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Ihnen war aber auch der Prozess des Klebens sehr lästig. Ich weiß, dass Robin mal einen Rückfall hatte: Bei den Internationalen Jugendmeisterschaften von Portugal hat er einmal frischgeklebt. Aber das war wohl mehr eine Sache im Kopf, weil alle seine Gegner noch geklebt haben und es bei ihm gerade nicht so lief, fand er, dass er sonst benachteiligt wäre.

 

Wie wichtig ist denn der Kopf beim Thema Klebeverzicht überhaupt?
Meiner Meinung nach sehr wichtig. Mein Tipp an alle Trainer: Die Spieler sollten von Anfang an vernünftiges Material haben, aber alle müssen auch lernen, mit dem klarzukommen, was sie haben. Wichtig ist die Einstellung! Ich glaube, es ist kein Zufall, dass gerade unsere Spieler so reagiert haben, im Sommer sofort mit dem Frischkleben aufzuhören. Ich fand die Haltung der beiden von Anfang an sehr beeindruckend. Andere Spieler waren dazu nicht in der Lage, die hatten keine solche Bereitschaft.

 

Hat sich der frühzeitige Klebeverzicht der beiden letztlich ausgezahlt, weil sie einen Erfahrungsvorsprung gegenüber der Konkurrenz hatten?
Ich denke schon. Robin hat beim Bundesranglistenturnier zwei Partien gewonnen, die in diesem Zusammenhang interessant sind: eines gegen einen Spieler, der seinen Belag nicht zum Halten bekommen hat, und die andere Partie gegen einen Jungen, der nur gemeckert hat, weil aus seinem Schläger nichts rauskam.

 

Und wenn jemand ungeklebt gegen jemanden antritt, der noch frischklebt?
Es gibt eine interessante Aussage von Nadine Bollmeier, die ja auch zum andro-Team gehört. Sie sagt, sie hat auch Nachteile gegen Leute, die nicht kleben. Der Ball springt ganz anders.

 

Stichwort: Schlägerkontrollen. Funktionieren die?
Auf Bundesebene ist jedenfalls kontrolliert worden. Bei den Westdeutschen Schülermeisterschaften waren allerdings zwei Schiedsrichter, um zu kontrollieren, aber es konnte nicht kontrolliert werden, weil es keine Geräte gab. Die sind wohl zurzeit nicht lieferbar.

 

Von solchen Problemen hört man auch aus anderen Verbänden... Wird denn auch die Dicke der Beläge überprüft?
Die Dicke der Beläge wird immer wieder mal kontrolliert. Wenn Spieler Beläge haben, die nicht allzu häufig sind, wird auch mal in die Liste zugelassener Beläge geguckt.

 

Die Frage nach der Dicke könnte an Bedeutung gewinnen, wenn die Beläge getuned werden.
Das ärgert mich sehr, dass es jetzt wieder Tuner und so etwas gibt! Ich kann die Firmen verstehen, die Geld verdienen wollen, aber ich wünsche mir eine Regelung, wo die Spieler einfach die Beläge festkleben und spielen.

 

Vielleicht sind die Beläge nicht gut genug?
Mein Eindruck ist: Die Qualität der Beläge wird immer besser. Die PLASMA-Beläge sind ohnehin gut, und ich habe gehört, dass demnächst eine neue Generation rauskommt, die noch besser sein soll.

 

Ab wann sind denn Beläge mit eingebautem Frischklebeeffekt sinnvoll?
Ich habe beim Talentsichtungs-Lehrgang sehr gute Erfahrungen mit den neuen PLASMA-Belägen gemacht. Da habe ich viele kleine Kinder gesehen, die moderne Techniken spielen konnten, Spin-Block usw. – so, wie man mit geklebten Schlägern gespielt hätte. Das wäre mit ungeklebten Schlägern früher nicht gegangen. Gerade mit der Rückhand werden heute vor allem Spintechniken gespielt und nicht mehr klassische Blocks. Da ist es natürlich gut, wenn über die Oberflächenspannung der Beläge die Grundlage geliefert wird, solche Techniken spielen zu können.

 

Glaubst du, dass die Tuner vom Markt verschwinden werden?
Das weiß ich nicht, aber sicher ist, dass die Tuner zwei praktische Nachteile bringen: Viele Spieler haben Probleme, beim Tunen jedes Mal die gleichen Spieleigenschaften hinzukriegen. Und von meinen Kollegen habe ich das Feedback bekommen, dass bei vielen Spielern der Belag nicht am Holz hält. Unsere Spieler haben mit dem Klebestift von andro (FREE GLUE, Anm. der Redaktion) gute Erfahrungen gemacht. Mein Wunsch wäre daher: Nehmt einen lösemittelfreien Kleber, der gut hält, klebt damit den Belag auf – und dann ist es gut. Leider ist die ITTF bislang nicht in der Lage, die Regel so zu formulieren, dass das klappt.

 

Aber das Frischklebeverbot hältst du schon für den richtigen Weg?
Es ist ein guter Weg, dass man von den gefährlichen Mitteln weg ist, aber noch gibt es zu viele Hintertürchen. Ich hoffe, dass die neue Belaggeneration so gut wird, dass sich noch mehr Spieler dazu entscheiden, mit den Belägen einfach nur zu spielen. 

 

In welche Richtung wird sich Tischtennis entwickeln?

Ich glaube, dass die Bedeutung der Athletik noch weiter zunehmen wird. Auch künftig werden meiner Meinung nach zwei Faktoren entscheidend sein: gutes Training und gutes Material.

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